Die Wärme des Prinzips „Lampion“
Ein Nachruf auf Klaus Breuing, Puppenspieler und Schankwirt
von Matthias Thalheim

„Lampion“ hieß sein „Winziges Wanderpuppentheater“. Ein Zentner Gepäck in einem von Zirkus-Sattlern maßgeschneiderten Riesenrucksack. Bühnengestänge, Vorhänge, Scheinwerfer, Puppen und Requisiten. Kaspers Geburtstags-Bratwürschte zum Beispiel, wegen denen die Gretel vom Räuber Hotzenklotz überfallen wird, weil ihn die „schlampampergrüne Bohnenhexe“ dazu aufgehetzt hat. An der Rezeptur „Lampion“ ist nichts geheim, alles offenbar: Das „Hibbedibix-Hibbedibax“-Lied vor der Handpuppenbühne, die rustikale Ausstattung, die selbstgebauten Puppen, allen voran der Kasper mit der Klatsche, der die Kinder zum Zurufen anstiftet. Der Sprachwitz seiner Dialoge, die kapriziösen Stimmen, die Warmherzigkeit und das Augenzwinkern – alles zusammen macht die „Lampion“-Inszenierungen so unvergesslich. Das Geheimnis steckt in dem Riesenkerl mit den Handpuppen selber. Ein Verschnitt aus Hans Albers und „Meister Nadelöhr“, dem Märchenland-Schneider des Ost-Fernsehens, der wie Klaus Breuing, Jahrgang '51, ebenfalls in Wernigerode aufwuchs. Nach Werkzeugmacherlehre und Buchhändlertätigkeit wagt Klaus, dem die Harzer Kleinstadt zu eng wird, den Sprung in die Hauptstadt der DDR. Verdingt sich als Bockwurstverkäufer am Alex, Akt-Modell an der Kunsthochschule oder als Kabelträger beim Fernsehen. Studieren darf er nicht, weder Musik, obwohl er glänzend vom Blatt Gitarre spielt, noch an der Schauspielschule. Ein zu unsicherer Kantonist mit losem Mundwerk und zeitweiligem Berlin-Verbot. In Zepernick lernt er 1975 schließlich die greise Puppentheater-Prinzipalin Ilse Iwowski kennen und das Faszinosum ihres Marionettenensembles. Der Urknall seines langen Puppenspieler-Lebens. Das führt ihn über die Bühnen von Zwickau, Wittenberg, Anklam bis Wismar und besteht aus Tausenden Solo-Auftritten in Kindergärten, Klubhäusern, Kirchen und Bibliotheken.

Als diese Einkünfte mit dem Versinken des Hammer- und Sichelstaates immer unsicherer werden, macht Klaus im Oktober 1991 in seinen Werkstatt- und Wohnräumen im Hochparterre der Knaackstraße 54 eine Szene-Kneipe auf – das „Lampion“. An der Decke kopfüberhängende Sonnenschirme und über den blanken Tischen mit farbiger Seide bespannte Laternen in kubistischer Gestalt. Ein Tresen mit einem Glas Soleiern, Holzbänke auf Podesten, waghalsige Stufen und Geländer. An den Wänden eigene Grafik expressiven Strichs. Ein Nachtschwärmer-Lokal für die Bohème des wiedervereinten Berlins. Breuings Gesamtkunstwerk. Klaus ist 40 Jahre alt und kennt aus seinem Zecher- und Flaneursdasein ausreichend Zeitgenossen, die bei ihm einkehren. Die Fortsetzung der DDR mit gastronomischen Mitteln. Oder biblisch gesprochen, die Tränkung der Fünftausend mit nur einer Kneipe. Klaus steht selten hinterm Tresen. Dazu ist er selber viel zu durstig. Und doch ist Klaus überall anwesend. Ist das luftige Verbindungsstück zwischen all den illustren Lampionisten – den von der Stütze lebenden Randexistenzen und auch prominenteren Leuten unter den Stammgästen wie Klaus Renft, Wolfgang Hilbig, Manfred Krug oder Peter Hacks. Sie alle wärmen sich an den Lampions, in denen das Original eines solitären Künstlers pulst, dessen Vitalität und Daseinsfreude zum Lebenselixier für eine beträchtliche Kneipen-Kommune wird. Weit weit über den Prenzlauer Berg hinaus. 2003 verlöschen die Berliner Lampions, geht eine legendäre Ära zu Ende. Die veränderte Metropole ist nicht mehr Breuings Stadt. Sein Prinzip „Lampion“ wird in die alte Dorfschule von Funkenhagen in die Uckermark verlegt, wo er ab 1997 Sommertheater veranstaltet. Fast 25 Jahre lang. Bis er nun am 8. Oktober 70jährig von der Bühne seines fulminanten Puppenspieler-Lebens abtrat.





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